Über-, Unter, Fehlversorgung

Die Versicherten in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) zahlen erhebliche Beiträge in das Solidarsystem ein. Deshalb haben sie auch einen Anspruch auf die bestmögliche Versorgung, wenn sie vom Beitragszahler zum Patienten werden. Leider wird unser Gesundheitssystem diesem Anspruch oft nicht gerecht, es weist in vielen Bereichen Versorgungsmängel auf.

Der Sachverständigenrat für die Konzertierte Aktion im Gesundheitswesen hat dies in seinem Gutachten 2000/2001 zur Bedarfsgerechtigkeit und Wirtschaftlichkeit ausführlich dargelegt: Viele Patienten erhalten ein Übermaß an medizinischer Versorgung, anderen bleibt die medizinisch notwendige Versorgung vorenthalten, und wieder andere werden falsch behandelt. So schätzen Experten beispielsweise, dass rund 30 Prozent aller Röntgenuntersuchungen überflüssig sind. Oder dass nicht einmal die Hälfte aller Herzinfarktpatienten nach dem aktuellen Stand des medizinischen Wissens behandelt werden.

Diese Probleme werden mit den gesundheitswissenschaftlichen Fachbegriffen Über-, Unter- und Fehlversorgung beschrieben:

Unter Überversorgung versteht man eine Behandlung, die aus medizinischen Gründen nicht notwendig und deren Nutzen nicht hinreichend gesichert ist, die in unwirtschaftlicher (ineffizienter) Form erbracht wird oder deren geringer Nutzen die Kosten nicht rechtfertigt.

Unterversorgung ist die teilweise oder gänzliche Verweigerung von Versorgungsleistungen trotz anerkannten Bedarfs, deren Nutzen hinreichend gesichert ist und deren Einsatz wirtschaftlich vertretbar ist.

Fehlversorgung ist jede Versorgung, durch die ein vermeidbarer Schaden entsteht; um einen solchen handelt es sich, wenn Leistungen erbracht werden, deren Nutzen nicht hinreichend gesichert ist, Behandlungen nicht fachgerecht durchgeführt oder Leistungen unterlassen oder nicht rechtzeitig erbracht werden, deren Nutzen und Wirtschaftlichkeit hinreichend gesichert sind.

Eine der wesentlichen Ursachen liegt in der mangelnden Abstimmung zwischen Ärzten, Krankenhäusern und anderen Leistungserbringern. Die Gesundheitsreform hat die Weichen dafür gestellt, das Gesundheitssystem zukünftig stärker an den Bedürfnissen und Versorgungsansprüchen der Patientinnen und Patienten auszurichten. Sie schafft Anreize für mehr Wettbewerb um die beste Qualität und fördert zugleich gezielt die Zusammenarbeit der Leistungserbringer: zum Beispiel im Rahmen von strukturierten Behandlungsprogrammen, Hausarztsystemen oder anderen Formen der Integrierten Versorgung.