Altersarmut in Deutschland

Zuschussrente soll Verarmung der Rentner stoppen

Die Altersarmut in Deutschland ist Wirklichkeit oder nur ein Phänomen? Die Rentnergeneration von heute ist finanziell gut ausgestattet, glaubt man den Werbeanzeigen in den Medien. Braun gebrannte, Golf spielende Rentner vermitteln das Bild von wohlhabenden Ruheständlern. Altersarmut scheint nicht zu der stetig größeren Gruppe der nicht mehr Erwerbstätigen zu passen. Doch der Schein trügt: Immer mehr Rentner sind auf Unterstützung durch den Staat angewiesen. 

Auch für die Gruppe der über 50-Jährigen als kaufkräftige Zielgruppe hat sich die Werbeindustrie schneidige Begriffe einfallen lassen, die von "Best Agern", "Silver Surfern" oder "Whoopies" (well off old people) sprechen. Was derzeit noch stimmen mag, gilt in dieser Form für die Zukunft jedoch nicht mehr. Allein die sprunghafte Zunahme der Zahl von Leistungsbeziehern der Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung um mehr als 40 Prozent zwischen 2003 und 2005 ist ein erstes Warnsignal für künftige Altersarmut. Aus diesem Grund will die Bundesarbeits- und Sozialministerin Ursula von der Leyen die sogenannte Zuschussrente einführen. Zudem soll für Selbständige die Pflicht zur Altersvorsorge eingeführt werden.

Definition von Altersarmut

Von Altersarmut spricht man, wenn der nicht erwerbstätige Teil der Bevölkerung seinen Bedarf aus den Leistungen der gesetzlichen und privaten Versorgungssysteme nicht decken kann. Damit wird Altersarmut nach dem Einkommen definiert, das nicht zur Verfügung steht.

Für die Weltgesundheitsorganisation WHO gilt als arm, wer monatlich weniger als die Hälfte des durchschnittlichen Einkommens seines Landes zur Verfügung hat. Die Europäische Union definiert als "arm", wer weniger als 60 Prozent des Medianeinkommens seines Heimatlandes zur Verfügung hat.

Im Vergleich zu anderen Bevölkerungsgruppen, wie beispielsweise den Alleinerziehenden und Kindern, ist die Einkommensarmut bei älteren Menschen heute noch relativ gering. Bei den 65-Jährigen und Älteren lag die Armutsrisikoquote im Jahr 2003 bei 11,4 Prozent, während die Armutsrisikoquote bei der Gesamtbevölkerung mit 13,5 Prozent und bei den Alleinerziehenden sogar mit 35,4 Prozent angegeben wird. Die Armutsrisikoquote wird definiert als Anteil der Personen in Haushalten, deren bedarfsgewichtetes Pro-Kopf-Einkommen weniger als 60 Prozent des Medians aller Haushalte beträgt.

Auf Deutschland bezogen bedeutet dies, dass man mit einem Einkommen von 856 Euro im Monat (oder 10.274 Euro/Jahr) zu den armutsgefährdeten Personen zählt. Das Existenzminimum liegt in Deutschland bei 7.356 Euro für einen Erwachsenen.

Die Grenze der Armutsgefährdung trifft nach den Ergebnissen der Studie Leben in Europa 2006 die Älteren (65 und plus) im früheren Bundesgebiet mit 14 Prozent überdurchschnittlich, in den neuen Ländern und Berlin dagegen lag die Armutsgefährdungsquote mit 9 Prozent deutlich unter dem Durchschnitt der Gesamtbevölkerung.

Ursachen der Altersarmut in Deutschland

Doch welches sind die Ursachen, die zu dieser Entwicklung geführt haben? Welches sind die Gründe dafür, dass die gesetzliche Rente künftig allein nicht mehr ausreicht? Warum müssen künftige Ruheständler mehr denn je zusätzliche private Altersvorsorge betreiben? Wird Altersarmut in Deutschland künftig große Bevölkerungskreise treffen?

Der Paritätische Wohlfahrtsverband geht davon aus, dass im Jahr 2030 rund zehn Prozent der Rentner von Altersarmut betroffen sein werden. Noch sei die Lage "solide", so die OECD-Rentenexpertin Monika Queisser. "Weniger gut" stehe es jedoch in der Zukunft um die Versorgung von Geringverdienern sowie der zunehmenden Zahl von Menschen, die nicht durchgehend Rentenbeiträge gezahlt hätten."

Um die Einkommenslage der Rentner zu beurteilen, wird vielfach auf die sogenannte Eckrente zurückgegriffen. Die Eckrente ist eine fiktive Rente, die einem Versicherten gewährt würde, wenn er über 45 Versicherungsjahre hinweg stets ein Entgelt in Höhe des Durchschnittsentgeltes aller Versicherten erzielt und dementsprechende Beiträge geleistet hätte.

Dabei wird außer acht gelassen, dass durch Arbeitslosigkeit, Mini-Jobs, selbständige Tätigkeiten, Kindererziehungs- und Ausbildungszeiten etc. die Grundlagen eines Eckrentners in der Realität kaum erfüllt werden. Aus diesem Grund sollten auch die Zahlen zur Eck- oder Durchschnittsrente in einem anderen Licht betrachtet werden. Beispielsweise betrug die Eckrente im Jahr 2006 1.066 Euro in den alten und 939 Euro in den neuen Bundesländern. Allerdings erhalten rund die Hälfte der Männer und 95 Prozent der Frauen eine Rente von weniger als 1.000 Euro im Monat.

Die für den Eckrentner erforderlichen 45 Beitragsjahre erreichen lediglich rund ein Viertel der Männer und nur jede zwanzigste Frau. Daraus folgen bereits heute Ruheständler, die ihren Lebensunterhalt nicht aus eigenen Einkünften decken können. Für diesen Personenkreis hat der Gesetzgeber die sogenannte bedarfsorientierte Grundsicherung eingeführt.

Während im Jahr 2003 nur 1,8 Prozent der ab 65-Jährigen Leistungen der Grundsicherung bezogen, ist ihre Zahl bis zum Jahr 2005 um mehr als 20 Prozent auf 2,2 Prozent gestiegen. Rechnet man die dauerhaft voll erwerbsgeminderten Personen hinzu, hat sich die Gesamtzahl der Grundsicherungsempfänger zwischen 2003 und 2005 fast verdoppelt.

Auch wenn der Anteil der Grundsicherungsempfänger zum jetzigen Zeitpunkt noch recht klein ist, so schreckt Experten vor allem der rasante Anstieg der vergangenen Jahre auf.

Gründe für die Altersarmut

Der Anstieg der Altersarmut ist auf verschiedene Ursachen zurückzuführen. Meist sorgen nicht einzelne, sondern die Kombination aus mehreren Faktoren dafür, dass in Zukunft Altersarmut keine Randerscheinung mehr sein wird. Im Einzelnen führen vor allem folgende Ursachen zu Altersarmut in Deutschland:

Absenkung des Rentenniveaus
Mit der Rentenreform von 2001 wird das Rentenniveau der gesetzlichen Rente bis zum 2030 spürbar abgesenkt. Die Rente wird damit in Zukunft lediglich eine Existenzsicherung darstellen. Die Maßnahmen des Gesetzgebers führen allerdings dazu, dass künftig ein Durchschnittsverdiener rund 37 Jahre in die gesetzliche Rentenversicherung eingezahlt haben muss, um eine Rente knapp über dem Armutsniveau zu erhalten.

Bei einem Lohnniveau von ca. 80 Prozent des Durchschnittslohns werden sogar 45 Beitragsjahre erforderlich sein, um eine Rente knapp oberhalb des Grundsicherungsniveaus zu erreichen. Zu beachten ist auch, dass Beiträge zur Kranken- und Pflegeversicherung sowie seit 2005 auch die Einkommensteuer die Rente nochmals schmälern.

Arbeitslosigkeit
Die seit den 80er Jahren anhaltende Massenarbeitslosigkeit sorgt für geringere Rentenansprüche. Besonders armutsgefährdet im Alter sind Langzeitarbeitslose und Bezieher von Arbeitslosengeld II ("Hartz IV-Empfänger"). Die für Arbeitslosengeld II-Beziehende zu entrichtenden Rentenversicherungsbeiträge betragen seit dem 1. Januar 2007 nur noch rund 40 Euro pro Monat. Ein Jahr Arbeitslosengeld II-Bezug führt damit zu einer Rentenanwartschaft von etwa 2,19 Euro im Monat.

Berufsunterbrechung durch Kindererziehung und Pflege
Der überwiegende Teil der Kindererziehung und der Pflege von Angehörigen wird von Frauen vorgenommen. Frauen reduzieren ihre Arbeitszeiten oder geben den Job für eine bestimmte Zeit sogar ganz auf. Der Wiedereinstieg ins Berufsleben erfolgt oftmals mit Schwierigkeiten und ist mit geringeren gehältern verbunden.

Bei der gesetzlichen Rente erwirbt man sich durch Kindererziehung (Kindererziehungszeiten) oder Pflege von Angehörigen (Pflichtbeiträge für Pflegepersonen) Ansprüche. Für Kinder, die vor 1992 geboren wurde, wird ein Jahr, für Geburten ab 1992 werden drei Jahre angerechnet. Seit 2001 sind Kindererziehende sogar noch besser gestellt worden. Während der Kinderberücksichtigungszeit vom 3. bis zum 10. Lebensjahr des Kindes werden unterdurchschnittliche Arbeitseinkommen um 50 Prozent und auf maximal 100 Prozent des Durchschnittseinkommens aufgewertet.

Allerdings gilt festzuhalten, dass die Rentenanwartschaften während der Kindererziehung oder Pflege meist geringer sind als bei Beibehaltung der Erwerbstätigkeit. Zudem ist die Erwerbsbiographie unterbrochen und damit möglicherweise auch der Sprung auf der Karriereleiter. Von der bereits angesprochenen Absenkung des Rentenniveaus ist dieser Personenkreis ebenfalls betroffen.

Niedriglohnjobs und geringverdienende Selbständige
Die Zunahme von niedrig bezahlten Beschäftigungverhältnissen führt langfristig auch zu Altersarmut. Der Personenkreis der Geringverdiener zahlt nur geringe Beiträge in die gesetzliche Rentenversicherung ein und verfügt meist auch nicht über ausreichende finanzielle Mittel für eine ergänzende private oder betriebliche Altersvorsorge.

Auch der Anstieg der geringverdienenden Selbständigen wird auf lange Sicht für diesen Personenkreis zu finanziellen Problemen im Alter führen. Da der überwiegende Teil der Selbständigen nicht in der gesetzlichen Rentenversicherung pflichtversichert ist, muss die Altersvorsorge privat erfolgen. Da etwa ein Drittel aller Selbständigen im Jahr 2005 lediglich über ein monatliches Nettoeinkommen von unter 1.100 Euro verfügte, ist davon auszugehen, dass keine ausreichende Vorsorge getroffen werden kann. Altersarmut ist somit vorprogrammiert.

"Altersarmut wird deutlich zunehmen"

Der Sozialexperte des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in Deutschland Ulrich Schneider äußerte im November 2006 seine Befürchtung: "Die Altersarmut wird deutlich zunehmen". Wenn man sich die aktuellen Zahlen zu den Beziehern von Grundsicherung im Alter und bei Erwerbsminderung anschaut, könnte man annehmen, dass diese Prognose gewagt ist.

Doch Vorsicht: Der rasante Anstieg der Grundsicherungsbezieher in den letzten Jahren sowie die Kombination aus Rentenreformen und der Lage am Arbeitsmarkt werden aus dem derzeitigen Randthema Altersarmut eine in weiten Schichten der deutschen Bevölkerung verbreitete Erscheinung machen.

Lösungen sind momentan nicht in Sicht. Die gesetzliche Rentenversicherung ächzt unter der demographischen Entwicklung. Der Gesetzgeber hat bereits reagiert und die Rente mit 67 für die Jahrgänge ab 1964 verabschiedet. In letzter Konsequenz führt dies bei vorzeitiger Inanspruchnahme wiederum zu geringeren Rentenzahlungen.

Somit führt an der privaten und betrieblichen Vorsorge kein Weg vorbei. Sparen, soviel man kann - dies scheint zumindest die einzige Gewissheit zu sein!

Weitere Artikel